Start Architektur Schweiz Letzigrund Stadion Zürich

Letzigrund Stadion Zürich

Wer im Zürcher Stadtteil Altstetten den Letzigraben in Richtung FC Zürich Platz entlanggeht, trifft linker Hand, zwischen kleinbürgerlicher Wohnbebauung, auf das Freibad Letzigraben des Schweizer Schriftstellers und Architekten Max Frisch. Das 1949 eröffnete Bad blieb sein einziges größeres Gebäude und steht heute als Max-Frisch-Bad unter Denkmalschutz.

Nur einige Schritte entfernt liegt das neue Stadion Letzigrund. Die räumliche Nähe der beiden Sportanlagen scheint auf den Entwurf des Stadionneubaus stillen Einfluss genommen zu haben. Die gewaltige Dachkonstruktion des Stadions senkt sich zum FC Zürich Platz so weit zur Straße, dass es wie eine angedeutete Fortführung der Traufhöhe des Freibades wirkt. Für die gesamte Anlage haben die Erlenbacher Architekten Bétrix & Consolascio in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren Walt Galmarini eine Maßstäblichkeit gewählt, die für Stadionbauten ganz untypisch ist.

Ebenso untypisch ist bereits der Standort des Neubaus mitten in der Stadt. Weil durch große Ansammlungen von Menschen Probleme entstehen können, wählt man für Sportstätten städtische Randlagen oder erschließt außerstädtische Bereiche. Dort entstehen dann meist spektakuläre Architekturmarken, deren Sinnhaftigkeit nur wenig mehr als neunzig Minuten dauert und die danach wieder zu abgeschirmten, stark gesicherten Festungen geschlossen werden.

In Zürich-Altstetten ist alles anders. Das 1925 erbaute Vorgängerstadion lag anfangs noch außerhalb der Stadt in Sichtweite des Arbeiterviertels Aussersihl. Mit den Jahren umschloss Zürich den Bereich mit einer Mixtur aus Gewerbe- und Industrieareal, Banken- und Einkaufszonen sowie Wohnhochhäusern wie den Hardau-Türmen, die lange Zeit die höchsten Hochhäuser der Schweiz waren. Mitten in einem Wohnquartier gelegen wurde der Altbau trotz der Belastungen für die Anwohner ein populärer Identitätsträger. Um das geplante Abwandern sportlicher Veranstaltungen aus Zürich zu verhindern und die Teilnahme Zürichs an der »Euro 2008« zu sichern, blieb nur der Abriss und Ersatz des alten Stadions. Als Sieger eines 2003 veranstalteten Wettbewerbes mit zwölf eingeladenen Büros wurden die Architekten 2005 beauftragt, den Neubau noch im November 2005 an gleicher Stelle zu beginnen. Die Planer hatten sich für eine Absenkung der gesamten Spiel- und Leichtathletikfläche um etwa acht Meter unter das Straßenniveau der Herdernstraße entschieden und vergruben so einen Großteil des Gebäudevolumens in der Erde. Die etwa auf Straßenniveau befindlichen obersten Sitzreihen der Tribünen entlang der Herdernstraße variieren in der Höhe und bilden das natürliche Gefälle der Straße nach, während der geneigten Dachkonstruktion durch die niedrige Traufhöhe zur Herdernstraße hin viel von ihrer optischen Höhe genommen wird. Den Tribünen an der Herdernstrasse gegenüber befindet sich die Westtribüne, mit den VIP-Logen, Mannschafts- und Trainingsräumen sowie dem Restaurant »Oval«, von dem aus sich Stadion und Stadtviertel überblicken lassen. Der Haupteingang zum Tribünengebäude liegt auf der Ebene der neben dem Stadion gelegenen Trainingsfelder. Auf drei Seiten besitzt der Komplex keine Fassade und lässt einen ungehinderten Durchblick zu, nur von Westen her ist die Außenseite des Tribünengebäudes als geschlossenes Bauwerk wahrnehmbar.

Ein »fliegendes« Wahrzeichen
Über dem gesamten Rund »schwebt«, als flaches Band auf 31 Stützenpaaren stehend, eine aus der Horizontalen gekippte Dachkonstruktion. Die Stützenpaare nehmen die Druck- und Zugkräfte des Daches mit Auskragungen bis zu 32 Meter auf und sind trotz der unterschiedlichen Beanspruchungen annähernd in den gleichen Dimensionen ausgeführt. Alle Stützen wurden einzeln in einem dreidimensionalen Verfahren berechnet, um die gewaltige Hebelwirkung der bis 45 Meter langen und 52 Tonnen schweren Binder und die zusätzliche Dachlast zuverlässig ermitteln zu können. Eine Untersicht aus heller ungarischer Robinie lässt das Dach leicht erscheinen, die Verkleidung aus rostendem Cortenstahl dagegen die Zug- und Druckstützen vor dem Stadionhintergrund fast verschwinden. Die Wirkung eines schwebenden Daches könnte nicht überzeugender sein.

So wie sich der gesamte Neubau auf seine wesentlichen Bestandteile, Dach, Tribüne, Spielfeld reduziert darstellt, überzeugt auch der Innenausbau durch die Auswahl weniger Materialien mit einer sorgfältigen Detailplanung. Anthrazit eingefärbter Beton, Stahl und Glas bilden die vorherrschenden, gegeneinander scharf abgegrenzten Oberflächen. Dem Bonmot »Ist ein Gebäude(teil) zu lang, verlängere es« des Tessiner Architekten Luigi Snozzi folgend, sind die Flure des Tribünengebäudes nicht unterteilt, sondern durchziehen die gesamte Gebäudelänge mit einer surrealistischen Wirkung von Unendlichkeit. Generell ist eine Atmosphäre von Leichtigkeit und Offenheit zu spüren, die sich aus den Innenräumen nahtlos nach außen fortsetzt. Das Letzigrund Stadion ist nicht nur eine öffentliche Sportanlage, sondern steht den Anwohnern auch als städtische Freifläche zur Verfügung. Den Spagat aus den Sicherheitsanforderungen für internationale Sportveranstaltungen und der Durchlässigkeit einer öffentlichen Fläche bewältigten Bétrix & Consolascio, indem sie die Zugangskontrolle an den Rand der Gesamtanlage verlegten. Das Gelände ist mit einem Zaun aus senkrecht zur Straße stehenden Corten-Flachstählen abgetrennt, die eine ungehinderte Durchsicht ermöglichen und durch acht Tore unterbrochen sind. Bei Bedarf können die Tore geschlossen und mit Drehkreuzen kontrolliert werden, die übrige Zeit steht der Zugang zum Stadion, nicht jedoch die Spielfläche, jedem Besucher offen. Der innerstädtischen Lage geschuldet ist der Umstand, dass am Letzigrund keine Parkmöglichkeiten angeboten werden. Die fast 31000 Zuschauer von Sportveranstaltungen wie der »Euro 2008« und die knapp über 50000 Besucher von Konzerten sind gezwungen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen.

 

Eine Fassade aus Null und Eins am King Abdulaziz Center von Snøhetta

Eine Fassade aus Null und Eins am King Abdulaziz Center von Snøhetta

Für das außergewöhnliche Projekt King Abdulaziz Center for World Culture im Herzen der saudi-arabischen Ölfelder setzte der Glasfassadenspezialist seele den Entwurf des Architekturbüros Snøhetta in eine Fassade komplett aus Edelstahlrohren um. Nur durch die Verzahnung von modernsten Informationstech...

Schweizer Botschaft in Nairobi von ro.ma. Architekten

Schweizer Botschaft in Nairobi von ro.ma. Architekten

Die neue Schweizer Botschaft in der Hauptstadt Kenias bettet sich sanft in die Terrainlandschaft ein. Umfassungsmauer und Baukörper verschmelzen zu einem einheitlichen architektonischen Gebilde, das über hohe räumliche, funktionale und nachhaltige Qualitäten, über repräsentativ und zurückhaltend ges...

Hotel Domizil von DIA – Dittel Architekten

Hotel Domizil von DIA – Dittel Architekten

Das Tübinger Hotel Domizil wird von DIA – Dittel Architekten neu gestaltet und saniert. Im Fokus steht eine authentische, moderne Designsprache sowie die Neustrukturierung des Eingangs- und Restaurantbereichs.

Weitere Artikel:

Handaufmaß war gestern - Laserscanauswertung einer Basilika

Handaufmaß war gestern - Laserscanauswertung einer Basilika

Die in Düsseldorf stehende Pfeilerbasilika St. Margareta - ein architektonisches Meisterwerk Ihrer Zeit - wurde zwischen 1220 bis 1230 als Stiftskirche errichtet. Kunstvolle Gewölbe, klare Linienführung und gleichmäßige Formgebung prägen dieses Bauwerk.

Betonage von Betondecken

Betonage von Betondecken

Die Waldkraiburger Primo GmbH hat ein weiteres cleveres Zubehörtool für die Betonage von Betondecken entwickelt, auf den Markt gebracht und zum Patent angemeldet: Mit dem neuen »Schalfix« können Aussparungen in Betondecken zeit- und kostensparend realisiert werden. Trotzdem ist eine individuelle und...

Mit Farbe gegen Vergrünung, Algen und Schimmel

Mit Farbe gegen Vergrünung, Algen und Schimmel

Jeder kennt die Sünden der Vergangenheit, als man auf Putzfassaden dicke Farbschichten auftrug, Schimmel und Algen mit giftigen Bioziden fernhalten wollte und sich trotzdem nach relativ kurzer Zeit über unansehnlich »vergrünte« Außenwände oder Schimmel in der Wohnung ärgern musste.

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter


Ihre E-Mail
 
   

Senden Sie mir die kostenlosen Nachrichten der AZ/Architekturzeitung per E-Mail zu. Meine Anmeldung erfolgt, nachdem ich die Datenschutzhinweise gelesen haben. Die Nachrichten können Werbung von Dritten enthalten. Mein Einverständnis zum Empfang der Nachrichten kann ich jederzeit widerrufen.

Fachwissen | Architekten + Planer

  • Problemzone Wärmebrücke
    Problemzone Wärmebrücke Mit den steigenden Anforderungen an die energetische Qualität von Gebäuden gewinnen Details und damit auch kleine Problemzonen immer mehr an…

AZ Architekten Ingenieure Planer

  • Architekturreisen
    Architekturreisen architekturreisen.com ist die journalistisch betreute Reiseseite der Architekturjournalisten und Fachjournalisten, die sie aus den Publikationen AZ/Architekturzeitung, Baufachzeitung und ingenieurmagazin bereits…

Handaufmaß war gestern - Laserscanauswertung einer Basilika

Handaufmaß war gestern - Laserscanauswertung einer Basilika

Die in Düsseldorf stehende Pfeilerbasilika St. Margareta - ein architektonisches Meisterwerk Ihrer Zeit - wurde zwischen 1220 bis 1230 als Stiftskirche errichtet. Kunstvo...

Betonage von Betondecken

Betonage von Betondecken

Die Waldkraiburger Primo GmbH hat ein weiteres cleveres Zubehörtool für die Betonage von Betondecken entwickelt, auf den Markt gebracht und zum Patent angemeldet: Mit dem...

Mit Farbe gegen Vergrünung, Algen und Schimmel

Mit Farbe gegen Vergrünung, Algen und Schimmel

Jeder kennt die Sünden der Vergangenheit, als man auf Putzfassaden dicke Farbschichten auftrug, Schimmel und Algen mit giftigen Bioziden fernhalten wollte und sich trotzd...

Laserscannen von Bestandsgebäuden

Laserscannen von Bestandsgebäuden

Architekten, Planer und Ingenieure sind auf maßstabsgerechte Zeichnungen und Modelle angewiesen - sei es für den Umbau, die Neuplanung oder zur Dokumentation bestehender ...

Fußbodenheizung mit Trockenbauelementen

Fußbodenheizung mit Trockenbauelementen

Nicht überall eignen sich Nasssysteme, um eine effiziente Fußbodenheizung herzustellen. Teilweise braucht es Alternativen. Egal ob auf Massiv- oder Holzbalkendecken - die...

Marine-Gebäude 27E in Amsterdam vom Architekturbüro bureau SLA

Marine-Gebäude 27E in Amsterdam vom Architekturbüro bureau SLA

Eine ehemalige Ausbildungsakademie der Marine in Amsterdam sollte für den EU-Ratssitz der Niederlande vom Architekturbüro bureau SLA in ein Konferenz- und Pressezentrum u...

Neue Floating Badewanne

Neue Floating Badewanne

Eine innovative Badewanne, die das Wohlbefinden, die Entspannung und sogar die Gesundheit fördern kann, hat der japanische Sanitärhersteller TOTO entwickelt. Wohltuende T...

Stadionüberdachung mit extremer Langlebigkeit

Stadionüberdachung mit extremer Langlebigkeit

Am 14. Juni startete in Russland die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Die französische Serge Ferrari Gruppe ist mit dem Dach der neuen Rostov-Arena live dabei. In die...

Druckstromentwässerung – flüssig einzubauen

Druckstromentwässerung – flüssig einzubauen

Extrem schmale Bauweise. Und dazu als Verarbeitungsextra ein an die Rinnengeometrie anpassbarer Klebeflansch. Bei der Druckstromentwässerung von innenliegenden Rinnen, di...

Trinkwasserhygiene bei überdimensionierter Installation

Trinkwasserhygiene bei überdimensionierter Installation

Das Bezirksamt Berlin-Neukölln hat die Gefahr in der rund 22 Jahre alten Dreifeldsporthalle im Werner-Seelenbinder-Sportpark rechtzeitig erkannt: Durch lange und groß dim...

Weitere Artikel:


Anzeigen AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.