Start Praxis Wärmedämmung Zurück zu den alten Vorurteilen: Gebäudeenergiestandards auf dem Prüfstand

Zurück zu den alten Vorurteilen: Gebäudeenergiestandards auf dem Prüfstand

Rainer Schüle ist seit 1999 Geschäftsführer der Energieagentur Regio Freiburg, die Städte und Gemeinden, Landkreise und andere öffentliche Körperschaften, Baugesellschaften, mittelständische Unternehmen und private Hauseigentümer beim Klimaschutz betreut. Davor war Schüle Mitarbeiter und Bereichsleiter »Kommunale Energie- und Klimaschutzkonzepte« beim Öko-Institut e.V. in Freiburg. Ziel seiner täglichen Arbeit ist es, Akteure zu vernetzen, die regionale Wirtschaft zu stärken und den Klimaschutz mit konkreten Projekten voranzubringen.

Rainer Schüle

Damit hatten die Macher des stadteigenen Freiburger Wirtschafts- und Tourismusförderers FWTM, die die Stadt Freiburg als Green City vermarkten, nicht gerechnet. Als sie kürzlich die Pläne für ihr neues Verwaltungszentrum als »Kopfbau« der Messe vorstellten, ging ein Aufschrei durch die Freiburger Energieeffizienz-Szene. Denn das Gebäude sollte nach ersten Plänen lediglich energetische Minimalkriterien erfüllen, nirgends war die Rede von innovativen Energiekonzepten oder besonderen Standards. Auch ich habe den offenen Brief mit der Überschrift »Schämt Euch, ihr Öko-Angeber« unterschrieben. Die FTWM zeigte sich daraufhin gesprächsbereit und es scheint so, als ob der Gebäudestandard jetzt noch einmal nachgebessert wird.

Die Diskussion um die Gebäudestandards ist in Freiburg wie andernorts schon uralt und war mit stadteigenen Vorgaben bislang immer vorbildlich. Seit der Verabschiedung der EnEV 2014 ist klar, dass spätestens ab 2017 der Freiburg Standard überall gelten wird. Hintergrund ist der Beschluss der EU, bis 2019 europaweit Neubaustandards einzuführen, die in Deutschland stufenweise erreicht werden sollen, in 2017 zunächst in einer weiteren Verschärfung der EnEV 2014 und danach ein »Fast-Null-Energiestandard«. Wie die von der EU geforderten »nearly zero buildings« genau aussehen sollen, bleibt allerdings interpretationsfähig. Die Bundesregierung geht von einem Standard ähnlich dem deutschen KfW 40-Standard aus, manche auch vom KfW 55-Standard, aber das ist noch nicht endgültig entscheiden.

Wir haben allerdings ein Problem in der öffentlichen Diskussion. Die Baulobby scheint zurück zu wollen zu alten Zeiten, in denen sie sich nicht groß mit energetischen Standards befassen musste. Immer wieder werden diese für hohe Baukosten und die angespannte Situation am Wohnungs- und Immobilienmarkt verantwortlich gemacht. Dazu wird jede Gelegenheit genutzt und jedes aktuelle Thema missbraucht. Aktuelles Beispiel ist die Flüchtlingsdebatte. Nicht nur der Energiestandard, auch der Brandschutz und der Lärmschutz sowie andere Bauvorgaben stehen auf dem Prüfstand.
So forderte der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) kürzlich, die Baustandards befristet einzuschränken. Man solle z.B. die Anforderungen der EnEV fünf Jahre lang auf das Niveau des Jahres 2009 absenken. Der heutige Standard, so das Argument, verhindere den Bau preisgünstiger Wohnungen. Der Immoexperte der hiesigen Sparkasse stieß ins selbe Horn, als er unlängst die Bauauflagen, »nicht zuletzt beim Thema Energie«, für zu hohe Baukosten verantwortlich machte.

Bleibt nur zu hoffen, dass diese immer wieder auftauchende These vom teuren ökologischen Bauen endlich einmal begraben wird. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass das Bauen nach guten energetischen Standards per se nicht teurer sein muss. Dies haben für Bürogebäude z.B. die Kollegen des Forschungsprojekte Enob nachgewiesen. Demnach gibt es keinen Zusammenhang zwischen der energetischen Qualität eines Gebäudes und den Bauwerkskosten.

Wir müssen außerdem endlich mit den energetischen Vollkosten eines Gebäudes rechnen, anstatt nur auf die Investitionskosten zu schauen. Selbst wenn der Bau selbst ein wenig teurer wird, rechnet sich der bessere Standard im Laufe des Betriebes der Gebäude. Das kann doch nicht egal sein! Oder worüber haben wir die letzten 30 Jahre diskutiert?

Wohin sich die derzeitige Debatte entwickelt, ist leider noch nicht absehbar. Bundesbauministerin Hendricks hat sich inzwischen für Änderungen bei Regelwerken und Baunormen ausgesprochen, »damit Bauen bezahlbar bleibt«. Dafür wurde eigens eine Baukostensenkungskommission eingerichtet, die bis Ende des Jahres Vorschläge erarbeiten soll. Das klingt zunächst wenig erfreulich.

Was mir Hoffnung macht, sind die positiven Stimmen, die sich zu Wort gemeldet haben Zahlreiche Akteure verteidigen die energetischen Standards. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen befürchtet, dass Kommunen jetzt unter großem Zeitdruck Zweckbauten errichten, die nicht gut durchdacht sind. »Und dann stehen die Häuser herum und man wird sie nicht mehr los«, so Verbandspräsident Alexander Rudolphi. Auch der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende des Eigentümerverbands Haus & Grund, Alexander Blazek, sieht das so, wenn er davor warnt, Wohnsilos auf grüner Wiese zu errichten, die später niemand mehr brauche. Bei den provisorischen Bauten für die Erstunterbringung, die schnell wieder entfernt werden könnten, könne man die Standards ruhig senken, im herkömmlichen Neubau wäre es aber der falsche Weg.

Mir ist es wichtig, dass wir hier die verschiedenen Probleme nicht gegeneinander ausspielen. Wir können keine Häuser mehr bauen wie früher und heute die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Das größte Problem im Gebäudebestand sind momentan die Gebäude, die in den 1950er-Jahren entstanden sind. Wenn wir jetzt die Standards senken, wiederholen wir die Fehler von damals.

Gute energetische Standards helfen uns dabei, die ökonomischen Probleme der Zukunft zu lösen, indem wir die Nebenkosten verringern und Häuser bauen, die über die gesamte Lebensdauer werthaltig bleiben.

In Freiburg waren wir in der Vergangenheit meist einen Schritt voraus. Was 2017 mit der EnEV kommt, hatte der Gemeinderat schon vor Jahren als Baustandard verabschiedet. Ich kann nur hoffen, dass wir es schaffen, auch in Zukunft nicht nur das Minimum anzustreben, sondern Gebäudestandards zu entwickeln, die am Ende ökologisches Denken mit ökonomischen Vorteilen in Einklang bringt.

 

Industriearchitektur: Neuer Praxisraum für das Geberit Informationszentrum in Lausanne

Industriearchitektur: Neuer Praxisraum für das Geberit Informationszentrum in Lausanne

Nach zwei Jahren erfolgreicher Schulungen in den neuen Praxisräumen im Informationszentrum von Geberit in Jona, erhält jetzt auch der Schulungsraum in Lausanne ein neues Gesicht. Sanitärprofis werden so in modernen und ansprechenden Räumen für die Installation der Geberit-Systeme geschult.

Umbau Wohn- und Geschäftsgebäude D17 in Ingolstadt von Bettina Kandler Architekten

Umbau Wohn- und Geschäftsgebäude D17 in Ingolstadt von Bettina Kandler Architekten

Das  Wohn- und Geschäftsgebäude D17 liegt städtebaulich in einer funktional wichtigen Lage am südlichen Eingangsbereich zur Altstadt von Ingolstadt und in unmittelbarer Nähe zur Donau. Archivierte Pläne gehen bei dem Wohn- und Geschäftshaus auf das Jahr 1878 zurück.

Frankfurter Buchmesse: Raum für Inspiration von schneider+schumacher

Frankfurter Buchmesse: Raum für Inspiration von schneider+schumacher

480 Quadratmeter Grundfläche, 6,5 Meter Höhe und eine selbsttragende Holzkonstruktion mit lichtdurchlässiger Membran – das ist der »Frankfurt Pavilion«, das neue Wahrzeichen der Frankfurter Buchmesse. Geplant und umgesetzt von schneider+schumacher, entsteht auf der 70. Frankfurter Buchmesse ein ikon...

Weitere Artikel:

Zeitz Museum of Contemporary African Art (MOCAA)

Zeitz Museum of Contemporary African Art (MOCAA)

In Kapstadt hat sich ein historisches Getreidesilo zum Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst gemausert. Die Architekten des Heatherwick Studio ließen die betonierten Wandungen der Kornkammern aufsägen und schufen damit ein Atrium von beinahe kathedralenhaftem Charakter. Neuer Beton verstärkt...

Gipsfaserplatten für die Elbphilharmonie in Hamburg

Gipsfaserplatten für die Elbphilharmonie in Hamburg

Die großformatigen Gipsfaserplatten bestehen aus einem Vormaterial aus Naturgips. Sie zeichnen sich durch ihre Belastbarkeit, die Brandschutzeigenschaften (A1) und ihre hervorragenden Be- und Verarbeitungsmöglichkeiten aus.

KanyaKage mit modernen Sanitäranlagen ausgestattet

KanyaKage mit modernen Sanitäranlagen ausgestattet

In Berlin-Kreuzberg eröffnete Ende April 2018 eine einzigartige Kunst- und Veranstaltungslocation. Nach den beiden Eigentümern KanyaKage benannt, ist der neue »Artspace« regelmäßig Schauplatz von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Außerdem stehen die insgesamt 170 Quadratmeter großen Räume für Le...

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter


Ihre E-Mail
 
   

Senden Sie mir die kostenlosen Nachrichten der AZ/Architekturzeitung per E-Mail zu. Meine Anmeldung erfolgt, nachdem ich die Datenschutzhinweise gelesen haben. Die Nachrichten können Werbung von Dritten enthalten. Mein Einverständnis zum Empfang der Nachrichten kann ich jederzeit widerrufen.

Fachwissen | Architekten + Planer

Zeitz Museum of Contemporary African Art (MOCAA)

Zeitz Museum of Contemporary African Art (MOCAA)

In Kapstadt hat sich ein historisches Getreidesilo zum Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst gemausert. Die Architekten des Heatherwick Studio ließen die betonier...

Gipsfaserplatten für die Elbphilharmonie in Hamburg

Gipsfaserplatten für die Elbphilharmonie in Hamburg

Die großformatigen Gipsfaserplatten bestehen aus einem Vormaterial aus Naturgips. Sie zeichnen sich durch ihre Belastbarkeit, die Brandschutzeigenschaften (A1) und ihre h...

KanyaKage mit modernen Sanitäranlagen ausgestattet

KanyaKage mit modernen Sanitäranlagen ausgestattet

In Berlin-Kreuzberg eröffnete Ende April 2018 eine einzigartige Kunst- und Veranstaltungslocation. Nach den beiden Eigentümern KanyaKage benannt, ist der neue »Artspace« ...

Vakuum-Isolierglas und Explosionsschutz-Dünnglas

Vakuum-Isolierglas und Explosionsschutz-Dünnglas

Das neue Vakuum-Isolierglas (VIG) von AGC zeichnet sich durch eine Besonderheit aus: Uneingeschränkte Sicht ohne sichtbare Evakuierungsöffnungen. Es wird wie normales Iso...

Kunst im Tageslicht betrachtet

Kunst im Tageslicht betrachtet

Die Stiftung »Das Maximum« präsentiert im bayerischen Traunreut nahe dem Chiemsee bedeutende Werke zeitgenössischer Kunst, unter anderem von Georg Baselitz und Andy Warho...

Architekturbüro mit Sichtbetonfassade

Architekturbüro mit Sichtbetonfassade

Der Neubau eines Architekturbüros ist für alle Beteiligten am Bau eine Herausforderung, denn letztlich ist das Bürogebäude die in Beton gegossene Visitenkarte des Archite...

Die höhere Mathematik der Ästhetik

Die höhere Mathematik der Ästhetik

Mehr als 20 Jahre sind vergangen, seit beim Entwurf der Titanaußenhaut für das Guggenheim-Museum in Bilbao erstmals die CAD-Software CATIA für ein renommiertes Gebäude ei...

Schaltbares Glas

Schaltbares Glas

Halio hat die Ästhetik seines intelligenten schaltbaren Glas-Systems auf das Wesentliche reduziert: völlige Farbneutralität und natürliche Transparenz wie ein herkömmlich...

Wohnungsbau mit System

Wohnungsbau mit System

Insgesamt 106 neue Wohnungen in drei Blöcken, die sich architektonisch, funktional und selbst finanzierungstechnisch unterscheiden und sich dennoch harmonisch zu einem in...

Schöner Gaskaminofen

Schöner Gaskaminofen

Mit dem puristischen Lensfocus kommt ein neuer, einzigartig gestalteter Gaskaminofen aus der französischen Design-Schmiede Focus. Der raumluftunabhängige Kamin bietet hoh...

Weitere Artikel:

Anzeigen AZ-D1-D2-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.