Start Praxis Wärmedämmung Bauen wird immer gesichtsloser und undifferenzierter

Bauen wird immer gesichtsloser und undifferenzierter

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2014/1402/waremedaemmverbundsystem-stadthaus-zurlindenstrasse.jpg
http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2014/1402/waremedaemmverbundsystem-haus-erlangen.jpg

Architekten schlagen Alarm: Das Bauen wird immer gesichtsloser und undifferenzierter. Schuld daran sei der allgemeine Dämmwahn – aber ist das tatsächlich der Fall? Ein nicht ganz ironiefreier Ausflug.

Früher war alles besser – der Himmel blauer, die Straßen freier und die Architektur noch wahre Baukunst. Damals visualisierten Fassaden die Individualität des Baukonzeptes und ihres Erfinders. Heute hingegen sind Fassaden zu Thermohüllen verkommen, die sich dem gestalterischen Furor des Planers störrisch widersetzen. Dämmsysteme lassen die Bauwelt verarmen, verbreien die Eleganz und die Eigenständigkeit von Bauwerken. Kurz: Die Baukunst geht vor die energetischen Hunde.

Und tatsächlich: Früher war die Architektur besser. Planer gingen sensibel, innovativ, dem Genius Loci folgend und streng nutzerorientiert ans Werk. Herrliche Zeiten waren es, als die regionalen Sparkassen mit ihrer Betonbaukunst auch kleinteiligsten Örtchen lehrten, was Materialgerechtigkeit und Modernität bedeuteten. Kunst entstand auf den uninteressant gewordenen Feldern vor den Toren der Stadt in Form durchgestylter Sattelitensiedlungen oder vielfältigster Einfamilienhaus-Gebiete. All das war und ist Alltag der Baukultur. Und ganz früher, da ließen Aristokraten gar prächtige Schlösser auf Kosten ihrer darbenden Untertanen aus dem Boden stampfen – das bewundern wir noch heute als vollendete Baukunst. Dabei aber betrachten wir nur eine formale Kulisse, alles andere wird ausgeklammert – etwa die Frage, wie funktional diese Bauten waren, wie es sich in ihnen leben oder arbeiten ließ oder wer sie letztlich bezahlte.

Wir pflegen also einen gewissen Tunnelblick, wenn wir über Architektur sprechen, dabei aber allein Ästhetik meinen – oder schlicht nach Maßstäben wie „schön“ und „hässlich“ befinden. Das mag Laien erlaubt sein, von Bauprofis jedoch erwartet man etwas differenziertere Analysen. Stattdessen haben viele Planer, auch prominente, die energetischen Auflagen für Neubau und Sanierung als Gefahr für alle Baukunst enttarnt. Insbesondere die Dämmung der Fassaden bedeute Verarmung der Gestaltung Untergang architektonischer Vielfalt. Eine steile These, die man so aufstellen kann, warum nicht.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2014/1402/waremedaemmverbundsystem-securitas-haus.jpg
http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2014/1402/waremedaemmverbundsystem-langendorf-architekten.jpg

Verschwörungstheorien waren schon immer beliebt, weil sie einfache Rezepte bieten, von komplexeren Zusammenhängen oder eigenen Fehlern ablenken. Fakt ist doch, dass die Gleichförmigkeit durch einen ganz anderen, viel mächtigeren Faktor getrieben wird: Von den Kosten. Und vom Unvermögen vieler Planer, neue Anforderungen kreativ anzugehen. Andere Disziplinen schaffen das: Industriedesigner konzipieren unter hohem Kosten-, Termin- und Technikdruck Maschinen, die nicht nur funktional sind, sondern auch noch Branding und Ästhetik transportieren. Die Ergebnisse sind beeindruckend und setzen weltweit noch immer Maßstäbe. Dass dies auch in der Architektur möglich ist, zeigen Konzepte, die schwierige Grundstücke, strenge Nutzungsvorgaben, Kostendeckel und Energieeffizienz klug und nachhaltig zusammenbringen. Natürlich gibt es viele Gründe, warum dies nicht bei allen Projekten so trefflich gelingen kann – die aber sind individuell und nicht verallgemeinerbar.

Unbenommen: Angesichts so mancher Fassade mag man der „Dämmung-ist-schlecht“-These sogar etwas abgewinnen. Aber nur auf den ersten Blick. Wer genau hinschaut – und das sollte man immer tun – kommt meist zu einem ganz anderen Ergebnis. Der österreichische Gutachter Michael Hladik brachte es in einem Vortrag jüngst auf den Punkt: „Das allerwichtigste Baumaterial ist Hirnschmalz – und das wird heute oft nicht mehr verwendet“.

Damit beklagte er zwar in erster Linie die Ausführungsplanung von Dämmfassaden, doch lässt sich die Erkenntnis auf viele Phasen des Bauprozesses übertragen. Nur über vermeintliche Gängeleien zu klagen, führt bekanntlich in die Sackgasse: Wer konstruktiv an die Dinge herangeht, kann jedoch neue Aspekte und auch neue Möglichkeiten entdecken – und so die Baukultur substanziell voranbringen. Das übrigens zeichnet eine lebendige Baukunst aus, die eben nicht Reproduktion des immergleichen ist, sondern Ausdruck ihrer Zeit, des gesellschaftlichen Willens und heute auch der globalen Klimaverschiebungen.

Klar ist auch, dass noch nie in der Baugeschichte so viele Technologien, Materialien und Verfahren zur Verfügung standen, noch nie so viel machbar war wie heute. Aber bei all dem gilt auch eine alte Erkenntnis: Nicht der Baustoff diktiert, sondern der Planer hat die Gestaltungshoheit. Die bautechnischen Optionen zu nutzen, ist Herausforderung und Verpflichtung zugleich, reichen die angebotenen Lösungen nicht aus, dann sollte man sich daran machen, die Lücken konstruktiv zu füllen. Und das mit allen Beteiligten im Boot. Nur so bleibt die Baukultur erhalten.

 

Industriearchitektur: Neuer Praxisraum für das Geberit Informationszentrum in Lausanne

Industriearchitektur: Neuer Praxisraum für das Geberit Informationszentrum in Lausanne

Nach zwei Jahren erfolgreicher Schulungen in den neuen Praxisräumen im Informationszentrum von Geberit in Jona, erhält jetzt auch der Schulungsraum in Lausanne ein neues Gesicht. Sanitärprofis werden so in modernen und ansprechenden Räumen für die Installation der Geberit-Systeme geschult.

Umbau Wohn- und Geschäftsgebäude D17 in Ingolstadt von Bettina Kandler Architekten

Umbau Wohn- und Geschäftsgebäude D17 in Ingolstadt von Bettina Kandler Architekten

Das  Wohn- und Geschäftsgebäude D17 liegt städtebaulich in einer funktional wichtigen Lage am südlichen Eingangsbereich zur Altstadt von Ingolstadt und in unmittelbarer Nähe zur Donau. Archivierte Pläne gehen bei dem Wohn- und Geschäftshaus auf das Jahr 1878 zurück.

Frankfurter Buchmesse: Raum für Inspiration von schneider+schumacher

Frankfurter Buchmesse: Raum für Inspiration von schneider+schumacher

480 Quadratmeter Grundfläche, 6,5 Meter Höhe und eine selbsttragende Holzkonstruktion mit lichtdurchlässiger Membran – das ist der »Frankfurt Pavilion«, das neue Wahrzeichen der Frankfurter Buchmesse. Geplant und umgesetzt von schneider+schumacher, entsteht auf der 70. Frankfurter Buchmesse ein ikon...

Weitere Artikel:

Zeitz Museum of Contemporary African Art (MOCAA)

Zeitz Museum of Contemporary African Art (MOCAA)

In Kapstadt hat sich ein historisches Getreidesilo zum Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst gemausert. Die Architekten des Heatherwick Studio ließen die betonierten Wandungen der Kornkammern aufsägen und schufen damit ein Atrium von beinahe kathedralenhaftem Charakter. Neuer Beton verstärkt...

Gipsfaserplatten für die Elbphilharmonie in Hamburg

Gipsfaserplatten für die Elbphilharmonie in Hamburg

Die großformatigen Gipsfaserplatten bestehen aus einem Vormaterial aus Naturgips. Sie zeichnen sich durch ihre Belastbarkeit, die Brandschutzeigenschaften (A1) und ihre hervorragenden Be- und Verarbeitungsmöglichkeiten aus.

KanyaKage mit modernen Sanitäranlagen ausgestattet

KanyaKage mit modernen Sanitäranlagen ausgestattet

In Berlin-Kreuzberg eröffnete Ende April 2018 eine einzigartige Kunst- und Veranstaltungslocation. Nach den beiden Eigentümern KanyaKage benannt, ist der neue »Artspace« regelmäßig Schauplatz von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Außerdem stehen die insgesamt 170 Quadratmeter großen Räume für Le...

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter


Ihre E-Mail
 
   

Senden Sie mir die kostenlosen Nachrichten der AZ/Architekturzeitung per E-Mail zu. Meine Anmeldung erfolgt, nachdem ich die Datenschutzhinweise gelesen haben. Die Nachrichten können Werbung von Dritten enthalten. Mein Einverständnis zum Empfang der Nachrichten kann ich jederzeit widerrufen.

Fachwissen | Architekten + Planer

Zeitz Museum of Contemporary African Art (MOCAA)

Zeitz Museum of Contemporary African Art (MOCAA)

In Kapstadt hat sich ein historisches Getreidesilo zum Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst gemausert. Die Architekten des Heatherwick Studio ließen die betonier...

Gipsfaserplatten für die Elbphilharmonie in Hamburg

Gipsfaserplatten für die Elbphilharmonie in Hamburg

Die großformatigen Gipsfaserplatten bestehen aus einem Vormaterial aus Naturgips. Sie zeichnen sich durch ihre Belastbarkeit, die Brandschutzeigenschaften (A1) und ihre h...

KanyaKage mit modernen Sanitäranlagen ausgestattet

KanyaKage mit modernen Sanitäranlagen ausgestattet

In Berlin-Kreuzberg eröffnete Ende April 2018 eine einzigartige Kunst- und Veranstaltungslocation. Nach den beiden Eigentümern KanyaKage benannt, ist der neue »Artspace« ...

Vakuum-Isolierglas und Explosionsschutz-Dünnglas

Vakuum-Isolierglas und Explosionsschutz-Dünnglas

Das neue Vakuum-Isolierglas (VIG) von AGC zeichnet sich durch eine Besonderheit aus: Uneingeschränkte Sicht ohne sichtbare Evakuierungsöffnungen. Es wird wie normales Iso...

Kunst im Tageslicht betrachtet

Kunst im Tageslicht betrachtet

Die Stiftung »Das Maximum« präsentiert im bayerischen Traunreut nahe dem Chiemsee bedeutende Werke zeitgenössischer Kunst, unter anderem von Georg Baselitz und Andy Warho...

Architekturbüro mit Sichtbetonfassade

Architekturbüro mit Sichtbetonfassade

Der Neubau eines Architekturbüros ist für alle Beteiligten am Bau eine Herausforderung, denn letztlich ist das Bürogebäude die in Beton gegossene Visitenkarte des Archite...

Die höhere Mathematik der Ästhetik

Die höhere Mathematik der Ästhetik

Mehr als 20 Jahre sind vergangen, seit beim Entwurf der Titanaußenhaut für das Guggenheim-Museum in Bilbao erstmals die CAD-Software CATIA für ein renommiertes Gebäude ei...

Schaltbares Glas

Schaltbares Glas

Halio hat die Ästhetik seines intelligenten schaltbaren Glas-Systems auf das Wesentliche reduziert: völlige Farbneutralität und natürliche Transparenz wie ein herkömmlich...

Wohnungsbau mit System

Wohnungsbau mit System

Insgesamt 106 neue Wohnungen in drei Blöcken, die sich architektonisch, funktional und selbst finanzierungstechnisch unterscheiden und sich dennoch harmonisch zu einem in...

Schöner Gaskaminofen

Schöner Gaskaminofen

Mit dem puristischen Lensfocus kommt ein neuer, einzigartig gestalteter Gaskaminofen aus der französischen Design-Schmiede Focus. Der raumluftunabhängige Kamin bietet hoh...

Weitere Artikel:

Anzeigen AZ-D1-D2-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.